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Schon wegen der zahlreichen individuellen Tresen, die aufgrund des von ihnen abstrahlenden Ideenreichtums die eigene Existenzgrundlage sichern, nimmt man all ihre Mängel ohne zu zögern auf sich. Allerdings, wie ich gerade erst lernen mußte, findet man auch an sonst eher demotivierenden, jegliche Schöpfungskraft tötenden Orten, wie der Schule, gelegentlich einen Hauch von Inspiration. So wurde mir im Zuge einer Fehleranalyse an einer hoffentlich fiktiven Gedichtinterpretation folgender Satz präsentiert: „Das Lied singt sich selber, es singt sich von selber; indem es einen Menschen singen läßt, von seinem Singen singen läßt und von dem der Nachtigall, wird es gesungen, ein wahrer Singsang.“ Wohl war! Besser hätte ich das auch nicht mehr zusammenfassen können. Mal ganz davon abgesehen, daß einem schon beim stupiden Abschreiben dieses außergewöhnlichen Satzes schlecht wird, weiß ich persönlich jetzt immer noch nicht, wer hier eigentlich was singt. Wahrscheinlich singt die Nachtigall des Menschen Lied, der von sich singt und das Lied singt sich dabei selbst. Besser wäre aber wohl, wenn das Lied die Nachtigall singt und der arme Mensch einfach gar nicht hinhört. Man konnte ja lesen, wohin so was führen kann, nämlich zu vollständiger geistiger Entgleisung. Ich kann nur hoffen, daß der Autor selber nicht weiß, was er da so gesungen hat. Ich jedenfalls werde mich weigern, weiterhin solchen Liedern zuzuhören. Ende vom Lied! Obwohl es da doch noch eine vielleicht unbedeutend klingende Bemerkung gab, die schwere verwirrende Sätze nach sich zog: „ Man könnte das Gedicht auch anders anordnen.“ Wer jetzt den gesamten Gesang gegen verschiedenste Anordnungen der Strophen, sowohl horizontal, vertikal als auch diagonal austauscht, der kann sich vielleicht vorstellen, was auf diesen harmlosen, kleinen Satz folgte. Die armen Strophen bewegen sich ungefähr so, wie sechs hyperaktive Jugendliche in einem sechs Quadratmeter großen Raum. Da liebe ich mir doch die Ruhe in einer überfüllten Kneipe am Freitagabend. Da kann man seine eigenen Gedichte schreiben, die hoffentlich nie, und wenn, dann wenigstens nicht so, interpretiert werden. Man könnte sich natürlich auch einfach über das angebrochene Wochenende freuen, den Anfang des neuen Schuljahres vergessen, erst recht sein Ende und in selbstzufriedener Gelassenheit sein Bier trinken und durch den Spiegel andere Menschen beobachten, über die man später kleine Geschichten schreiben wird. Hier tobt zwar nicht der Bär, aber darüber ist sowieso schon viel zu viel geschrieben und gelesen worden. Besser als Burroughs kann niemand Drogenexzesse beschreiben, Burgess hat Beethoven und die Milch mit Messern schon geliebt und on the road war eben auch schon Kerouac. Aufregende Themen wurden alle schon bis aufs Letzte ausgeschlachtet und danach kopiert. Der Alltag bietet genug, um die Toten ruhen zu lassen. Klar würde ich auch gerne quer durch Amerika und zurück fahren, mit einem Haufen durchgeknallter Typen, aber ich lebe nun mal hier. Also werde ich quer über den Berg fahren und einen Haufen durchgeknallter Typen an einem Haufen durchgeknallter Tresen treffen. Das ist nicht schlechter und weiter kommt man auch nicht mit einem Fahrradführerschein und einem kaputten Knie. Schlimm genug, daß man bergauf schieben muß, wie soll das erst aussehen, wenn man sein Rad quer durch die Vereinigten Staaten auf der Schulter trägt und dabei sein linkes Bein nachzieht. Nee, nee, nee, da bleibe ich lieber erstmal hier und beweine meine gerade verlorene Freiheit. Es könnte schlimmer kommen. Zumindest hat man mir das gesagt. Stimmt ja vielleicht auch, wenn man es aus der Sicht eines Vierzigjährigen betrachtet, nur bin ich eben noch nicht mal halb so alt. Woher zum Teufel soll ich denn wissen, wie schlimm es noch kommt. Und warum erzählt man mir was, wonach ich überhaupt gar nicht gefragt habe. Wenn ich jetzt schon hätte wissen wollen, wie schlimm es wird, wäre ich zwanzig Jahre früher geboren worden. Klar, zugegeben, wer mich kennt, der weiß natürlich, daß ich mir genau das wiederholt gewünscht habe, aber aus völlig anderen Gründen. Ich möchte um Jims Willen niemals irgendwann alt sein. 23 fand ich immer schick. Sollte ich dennoch älter werden, höre ich auf zu zählen. Wenn ich dann mit 72 immer noch 23 bin, habe ich mich doch verdammt gut gehalten. Nun gut, 72 ist sicherlich gut übertrieben, aber es ist ein deutlicherer Vergleich als beispielsweise 43. Genaugenommen ist er um 29 Jahre deutlicher, was schon mal sechs mehr wären als 23. Ich denke, was ich damit sagen will, ist klar. Es soll ja auch nicht zum Singsang ausarten. Lieber würde ich das Bild beschreiben, welches ich gerade real vor Augen habe, aber derartige Perfektion läßt sich partout nicht in Worte fassen, ohne daß ein wenig Perfektion verloren ginge. Wie soll ich denn bitte erklären, warum mehrere kopfstehende leere Gläser, eine abgelaufene CD, eine Milchkaffeemaschine, Kaffeebohnen, Schnapsflaschen und ein Spiegel in Kombination einfach nur eine traumhafte Vision sind, perfekt bis ins Detail und doch vollkommen wahr. Nur, wer es selbst gefühlt hat, wird verstehen können, wie faszinierend solche eigentlich banalen Dinge sein können. Es hat sogar ein bißchen etwas Mystisches an sich. Bei längerer Betrachtung eröffnen sich unerahnte Rätsel, deren Lösung im Abend liegt. Alles ist noch offen und die heulende Musik, if you remember the beginning, verdammt vielversprechend, weil ich am liebsten weinen würde.
Irgendwie paßt es alles zusammen. Das einzige Problem ist, daß ich nicht weiß wie. Man könnte es mit einem riesengroßen Puzzle(spiel) vergleichen, bei dem alle Teile gleich aussehen und das man trotzdem zusammensetzen muß. Ich denke, ich würde lieber das Puzzle nehmen. Und während ich so nachdenke, passiert die nächste Geschichte, die ich aber jetzt nicht erzählen will, weil sie noch zu frisch ist und erst noch verfaßt werden muß. Nur so viel sei gesagt. Sie geschah, wie könnte es auch anders sein, direkt neben mir am Tresen. Genau da, wo vor etwa zwei Monaten alles begann und wo es wahrscheinlich später auch enden wird. Der Mensch bewegt sich kreisförmig und trotzdem kommt er irgendwo an. Ein Phänomen, das seinesgleichen sucht und es in sich selbst schon lange gefunden hat, obwohl es sich selbst gar nicht gesucht hat, nicht gesucht wurde und auch die Nachtigall nicht suchte. Man beachte den Singsang. Wenn man so über dem Tresen hängt, fragt man sich schon manchmal, was all die anderen so machen, wenn sie einem nicht gerade gegenüber sitzen. Eigentlich scheint es so, als würden sie nie etwas anderes tun. Sie sind da, wenn man kommt.
Sie sind da, wenn man geht und wenn man wiederkommt, sind sie immer noch oder schon wieder da. Einerseits ist das wunderschön, andererseits ist es aber auch wieder äußerst verwunderlich. Befremdend wäre es, wenn man selbst nicht auch fortwährend da wäre, während andere Leute kommen und gehen. Das allerdings ist lange her. Das war, bevor mir das angehende Schuljahr und das nicht mehr zu verleugnende Abitur vor einer Woche meinten, mein Leben, auch wenn es nur 6 ½ Wochen lang war, in ganz andere Dimensionen lenken zu müssen. Dagegen protestiere ich entschieden, um mich mal selber zu zitieren. Immerhin wird es ja wenigstens Winter. Meine Frau Mutter bemerkte schon vor Wochen, daß jetzt, da der Winter naht, keiner mehr draußen sitzen will und es deshalb wieder richtig gemütlich und spannend wird im Innenraum der öffentlichen Einrichtungen, in denen nicht nur Karottensaft und Tee ausgeschenkt werden. Warme Zeiten warten auf uns, ob es nun draußen schneit oder man beim ersten Fuß, den man ins Freie setzt, auf die Fresse fällt, weil man die plötzlich und unerwartet entstandene Eisscholle vorm Haus ganz einfach nicht als solche erkannt oder, noch einfacher, übersehen hat. Noch jedoch ist es nicht soweit. Zunächst einmal werden wir das Rascheln in den niedergefallenen, bunten Blättern genießen, wenn’s dann soweit ist. Kalt genug ist es auf jeden Fall. Sozusagen die Ruhe vor dem Sturm, nur umgekehrt, denn es gibt überhaupt nichts zu sagen gegen Schneeflocken. Immerhin erdachte ich kürzlich eine Fabel über jene zierlichen Geschöpfe, die ungefähr wie folgt klang: Es war einer dieser letzten Wintertage, bevor es dann endgültig Frühling wird. Tausende Schneeflocken fielen vom Himmel auf die Pflastersteine hinab, große und kleine, so, wie sie es jedes Jahr tun. Nur eine ganz kleine Schneeflocke tanzte durch die Luft, wie sie es alle tun, beobachtete all die anderen und dachte bei sich: „Warum soll ich denn auf den Boden fallen, wenn das Tanzen doch so schön ist?“ Also tanzte die kleine Schneeflocke den ganzen Tag, ignorierte das Flehen ihrer älteren Kollegen, doch endlich mit nach unten zu kommen und tanzte bis in die Nacht, als plötzlich der Mond aufging. Der alte, weise Mond betrachtete das rege Treiben, das mit zunehmender Wärme, denn morgen sollte ja Frühling sein, immer weniger wurde und entdeckte schließlich die kleine tanzende Schneeflocke, die nie wieder aufhören wollte zu tanzen. Besorgt fragte er sie: „Kleine Schneeflocke, warum tanzt du noch und gehst nicht zu den anderen?“ „Weil ich nie wieder aufhören möchte zu tanzen, es ist doch so schön, so frei,“ antwortete die kleine Schneeflocke. Noch ein wenig besorgter als vorher, warnte der weise Mond: „Kleine Schneeflocke, jetzt ist die letzte Winternacht. Morgen wird es Frühling. Bitte, bitte, falle hinunter, damit du auf der Schneedecke weich landen kannst. Wenn die Sonne ihre Augen aufschlägt, ist es zu spät. Die Schneedecke wird schmelzen, du wirst schwächer werden, bis du so schwach bist, daß du von ganz alleine fällst, und dann wirst du ganz hart und allein aufschlagen und so jung, wie du bist, sterben müssen.“ Doch die kleine Schneeflocke wollte nicht hören und lachte den Mond aus, und die Sonne schlug ihre Augen auf, die Schneedecke verschwand im Nichts, die kleine Schneeflocke wurde schwächer und schwächer, taumelte nach unten und schlug hart auf den Asphalt. Traurig sah der Mond die sterbende Flocke an. Doch die sah nach oben, zwinkerte dem verblassenden Mond zu und flüsterte nach oben: „Und ich werde trotzdem ewig tanzen!“
Wer jetzt noch etwas gegen Schnee zu sagen hat, sollte sich lieber freiwillig stellen. Klar ist das Ende der Geschichte an La Fontaines bezauberndes Schlußwort „Je suis encore un chêne“ angelehnt, aber solch grandiose Aussagen können einfach nicht oft genug getroffen werden. Wer nicht mit diesem Satz auf den Lippen sterben kann, hat es nicht verdient, gelebt zu haben. Wer es nicht einmal versteht, war niemals in seinem Leben ein Individuum. Wie man ein Individuum wird, weiß ich auch nicht. Ich bin nicht mal ganz sicher, ob ich eines bin. Ich hoffe es lediglich und bete dafür, daß es niemanden gibt, der mir das Gegenteil beweisen kann. Der Verlust der Individualität bedeutete für mich den Verlust der Existenzberechtigung und letztendlich den selbst herbeigeführten Verlust des Lebens, a.k.a. Suizid. Im Moment, um beunruhigte Geister zu beruhigen, fühle ich mich ziemlich individuell und unwillig, den Zustand dieser Gesellschaft sich selbst zu überlassen. Das würde ja bedeuten, sie aufzugeben und alle, die mir was wert sind gleich mit. Soweit kommt’s noch. Ich werde diese Welt erst nach der nächsten Revolution verlassen. Die Nachwelt soll ja schließlich nicht im Chaos leben müssen. Solange die Minderheit nicht die Oberhand gewinnt, bleibe ich; und zwar so penetrant, wie möglich. Ich will stören und im Wege stehn, wo auch immer es geht und selbstverständlich für mein unvollständiges Weltbild angebracht ist. Dazu gehört wohl auch, den auf dem Weg zum Ziel verlorenen Seelen zu helfen. Aber wie hilft man jemandem, der nicht wirklich Hilfe will? Ich bin 19 und weiß es nicht, was ich noch relativ verständlich fände, wären da nicht die 37-, 40- und was weiß ich noch jährigen, die es auch nicht mehr wissen. Darf man jemanden aufgeben, nur weil man weiß, daß er verloren ist? Verdammt noch mal, nein, nein, nein, man darf nicht. Denn wen man aufgibt, hat man mal gemocht oder vielleicht sogar geliebt, und dann sollte er es doch verdient haben, daß man um ihn und sein Leben, egal wie sehr es auch im Arsch ist, kämpft. Unbequem wird es dann, wenn man mit der Hilfe sein eigenes kleines Leben verraten muß oder sagen wir mal, seine eigenen Ideale. Aber anrufen könnte man ja schon mal. Heute jedoch nicht. Bloß nichts übereilen. Nix ist morgen so, wie es heute war. Gott sei Dank! Wer will schon morgen wissen, was er gestern verbrochen hat. Von uns, euch, egal...wohl niemand. Es ist nur ein Schattenweg, und irgendwann, späterhin, werden wir ihn vielleicht auch wieder verlassen. Solang der Cowboy einen Dollar hat, sowieso. Der König im goldenen Panzer ertrank im Nil, wir werden warten, bis die Würfel gefallen sind. Wenn die 7 nicht kommt, leben wir eben ohne Geld in den Tag, der uns nicht leiden kann, wie immer. Und wenn wir dann später zugedröhnt den Park entwaffnen, ist wieder alles gut. Auf der Treppe zwischen verwelktem Rasen finden wir etwas, nach dem wir nie suchten, und das uns trotzdem selig macht. Unser Lied klingt nirgendwo und nur die Nacht wird es verstehen, weil sie so heilig ist.

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